Schulreform von unten - oder gar nicht
Kommentar im Deutschlandfunk 24. Juli
Hamburg hat schulpolitische Geschichte geschrieben. Mitte Juli lehnten es 276.304 Bürgerinnen und Bürger in der Hansestadt ab, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern und pädagogisch aufzuwerten.
Es lässt sich trefflich darüber lamentieren, ob das Volk falsch oder parteilich oder irgendwie ungerecht abgestimmt habe. Oder ob es überhaupt DAS Volk war, wenn vor allem die reichen und gebildeten Hamburger Stadtteile die schwarz-grüne Schulreform ablehnten.
Fakt ist: Eine deutliche Mehrheit lehnte die sechsjährige Primarschule per Plebiszit ab. Das bedeutet: Der Slogan "länger gemeinsam lernen" ist verbrannt.
Kein Schulreformer in der Republik sollte so dumm sein, die Formel einfach weiter zu verwenden - etwa mit dem arroganten Hinweis, die Hamburger Schnöseleltern hätten halt nicht verstanden, was auf dem Spiel steht.
Dennoch ist die schulpolitische Lage seit Sonntagabend 22 Uhr, als der 56-Prozentsieg der Initiative "Wir wollen lernen" amtlich bestätigt wurde, nicht leichter geworden. Ja, das Volk hat Nein zu einer Demokratisierung der Grundschule gesagt. Ja, es stimmt aber auch, dass es eben kein ideologisches Konstrukt war, was der Erste Hamburger Bürgermeister Ole von Beust und seine eifrige Schulsenatorin auf den Weg bringen wollten. Sondern dass es dafür handfeste empirische Gründe gab: Fast in keiner deutschen Stadt sind die Schulen so schlecht wie in Hamburg etwa die Hauptschulen. Acht von zehn Schülern dort können kaum lesen. Man nennt diese Gebilde in Forscherkreisen nicht umsonst Schulen der Hoffnungslosigkeit oder gern auch Unterschichtsfabriken.
prepare to prison
Wie bitte soll die erste und am meisten globalisierte Stadt Deutschlands, die Hafenstadt Hamburg, Wohlstand und Bürgerrechte sichern, wenn 25 bis 30 Prozent ihrer Jugendlichen weder berufs- noch lesefähig sind? Und in Essen, Dortmund, Frankfurt, in Berlin und Bremen sowieso, aber auch in Stuttgart und München ist es doch nicht anders: An der Isar nennt man Hauptschulen in bestimmten Stadtbezirken mittlerweile "prepare to prison" - denn sie haben ja objektiv die soziale Zusammensetzung von Justizvollzuganstalten.
Die Kürze der hiesigen Grundschule steht damit in ziemlich engem Zusammenhang. Man muss da gar keine Pisastudien lesen, wo klar bewiesen wird, dass die Auslese zum Gymnasium nicht nach Leistung, sondern nach sozialer Herkunft erfolgt. Man muss nur Unterschichtseltern fragen, wie chancenlos ihre Kinder nach vier Jahren sind. Oder gern auch Mittelschichtsfamilien, wie sehr ihnen der enorme Druck auf die Nerven geht, der heute bereits auf Drittklässler ausgeübt wird. Die Flucht aus dem staatlichen Schulsystem ist vor allem in der Grundschule ein nicht zu leugnender Fakt.
Grausame Zwickmühle
Hamburgs Eltern und Volksbegehrer haben die Republik also in eine grausame Zwickmühle manövriert.
Auf der einen Seite werden bereits die Messer gewetzt, um Volksentscheide im Saarland und Nordrhein-Westfalen vorzubereiten. Motto: Finger weg von den Schulen! Im Saarland soll es bald eine fünfjährige Grundschule geben; in NRW sind ein Drittel neuer Gemeinschaftsschulen geplant, die ihre Schüler bis zur sechsten Klassen gemeinsam unterrichten dürfen.
Auf der anderen Seite greifen die Demografie und die Wirtschaft das bestehende Schulsystem viel schärfer an als linke Schulreformer: In den großen Bundesländern, den Big Five, wo 75 Prozent der deutschen Schüler zur Schule gehen, steht ein beispielloses Schulsterben bevor.
Hunderte, ja Tausende Hauptschulen werden in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen eingehen - wegen Schülermangels.
Gleichzeitig ruft die Industrie immer lauter nach immer radikaleren Reformen: Von der Einschulung mit vier Jahren bis hin zur Verschmelzung von Haupt- und Realschulen ist da alles im Programm, was man sich denken kann.
Mega-Unternehmen Schule vor dem Kollaps
Was also tun? Schulfrieden gewähren - und alle Verbesserungen einstellen? Oder ein, wie nicht wenige fordern, ein bundeseinheitliches Schulsystem schaffen? Beide Forderungen sind nachvollziehbar -- und doch Kokolores. Fast 400.000 Lehrer gehen bald in den Ruhestand. Wer glaubt, er könne die Hälfte des Mega-Unternehmens "Deutsche Schule" veränderungslos ins 21. Jahrhundert führen, der ist genauso realitätsblind wie derjenige, der meint, er könne dem alten Föderalismus sein Herzstück herausreißen - die Kulturhoheit.
Nein, die Schulreform ist tot - es lebe die Schulreform. Nur, dass sie nicht mehr von oben betrieben wird, als flächendeckende Zwangsbeglückung. Die Schulreform "post Hamburg-Plebiszit" ist die lokale. Wo kopfschüttelnde Eltern plötzlich zu engagierten Helfern werden, wo Bürgermeister und Unternehmer gemeinsam für eine Schule von morgen arbeiten.
Das Schöne an dieser Regionalschule ist übrigens, dass sie ungeahnte Koalitionen hat. Da streiten grüne Rebbelnbürgermeister einträchtig mit CSU-Stadräten, da kämpft die "Montagsstiftung" mit ihrem regionalen Schulentwicklungsprogramm Seit an Seit mit Bundesbildungsminister Annette Schavan (CDU), die ein Projekt "Lernen vor Ort" mit Millionenbeträgen stützt.
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