Eine bildungspolitische Todsünde
Kiel führt die Realschule wieder ein – und die Schulreform ad absurdum
Jetzt ist es also amtlich: Die neue schwarze-gelbe Koalition in Kiel wird die Realschule wieder einführen.
Sie begeht damit eine bildungspolitische Todsünde. Warum?
Nein, es geht nicht darum, dass die Realschule an sich etwas schreckliches wäre. Aber wer eine Schulreform, die keine vier Jahre alt ist, mittendrin abrupt wieder zurückfährt, der hat nicht verstanden, welche Verunsicherung er damit in die Elternschaft träg. Man kann sich auf Bildungspolitik nicht verlassen.
Die CDU in Person von Herrn Carstensen ist eine zutiefst unglaubwürdige Partei. Der Peter Harry ist ein Halodri: Er hat persönlich dafür eingestanden, die schwarz-rote Schulstrukturreform nicht wieder zurückzudrehen. Er hat dieses Versprechen nicht gehalten. Wer soll einem Regierungschef Vertrauen, der sein Amt mit einem Schwindel antritt?
Die großen Schulstrukturreformen in den Niederlanden und Finnland sind selbstverständlich überparteilich beschlossen worden; und man hat sie in den Grundzügen über viele Jahre nicht angetastet. Etwas ähnliches geschah übrigens in Hamburg. Die dortige Strukturreform wurde überparteilich in einer Enquete-Kommission vorbereitet und in ihren Grundzügen beschlossen.
Wieso ist die Wiedereinführung der Realschule in Schleswig-Holstein praktisch ein komplettes Zurückdrehen der Strukturreform? Ganz einfach:
Wenn man in einem dreigliedrigen Schulsystem zwei der Glieder eine Bestandsgarantie gibt, dann konserviert man das ganze System.
Und man schwächt den damit verbundenen Prozeß des neuen Lernens. Individuelles Lernen ist nicht wie Schuhe binden: Es ist etwas Komplexes. Es bedarf der Vorbereitung und des Trainings, wenn man von einem 150-Jahre-alten Frontbeladungsstil weg will – hin zu einem Wahrnehmen und Entwickeln aller Talente, die es in einer Klasse gibt.
Ein FDP-Minister, der sagt: Die Realschule muss wieder her, hat von individuellem Lernen nichts verstanden. Er hat einfach eine andere Priorität.
Nicht das Überwinden der Schulstrukturen des 19. Jahrhunderts, sondern Klientelismus der billigsten Art.
Die neue Regierung in Kiel entzieht der Gemeinschaftsschule nicht nur das Vertrauen, sondern auch das intellektuelle Potenzial, das sie braucht. Pisaversteher meint, das ist das brutale Kalkül, das hinter der schwarz-gelben Logik steckt: Statt Gymnasium, Real- und Hauptschule soll es künftig in Schleswig-Holstein eben Gymnasium, Real- und Gemeinschaftsschule geben.
Die Marke Gemeinschaftschule soll zerstört werden, ehe sie sich etabliert.
Sie soll in den Augen der Bevölkerung zur neuen Hauptschule gemacht werden. Das ist das perfide dieser neuen Schulreform. Sie hat nichts mit Kiel zu tun - sie ist ein parteitaktisches Manöver. Die Gemeinschaftsschule findet Gefallen bei den Menschen. Aber ein rotes Experiment darf den Menschen nicht gefallen, daher geht schwarz-gelb nun mit gestrecktem Bein in die Schulreform.
Die Gemeinschaftsschule ist ein wichtiges Instrument, der gesellschaftlichen Spaltung den Nährboden zu entziehen – indem man allen Kindern gleiche Chancen einräumt. Schwarz-gelb aber will weiter bestimmten Kindern schlechtere Startchancen ins Leben geben.
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