03.12.2011
12:07

10 Jahre Pisa: Das Irren und Wirren der Kultusminister

Vor zehn Jahren erschien die erste Pisastudie. Sie zeigte, wo die Bruchstelle des deutschen Schulsystem liegt: Es gibt zu viele Risikoschüler. Aber die Kultusminister haben die Informationen aus Pisa zu allem benutzt – nur nicht zum Steuern. Inzwischen ist in vielen Bereichen das blanke Chaos ausgebrochen: zerplitterte Lehrerbildung, Schulformchaos, Zuständigkeitswirrwar. Die Bürger fliehen aus dem staatlichen Schulsystem

VON CHRISTIAN FÜLLER

(Links zum Originalmanuskript des SPON-Textes vom 2. Dezember Zehn Jahre Wirrwarr und zum Mindmap für das DRadio-Interview mit Peter Kapern)

Pisa war generalstabsmäßig vorbereitet. Am Abend bevor aus Goethe ein Bildungsverlierer wurde, versammelte ein gewisser Andreas Schleicher drei Dutzend Journalisten in Berlin zu einem Seminar in empirischer Bildungsforschung. Zwei Stunden lauschten die Reporter gebannt dem Herrn mit dem rotmelierten Schnäuzer. Sie erschauderten vor den PowerPoint-Seiten, die der Chefstatistiker der OECD an die Wand warf. Die Grafiken und Tabellen waren schön bunt – und zeigten mit mathematischer Präzision den Abstieg einer Kulturnation. Das Leitbild der Deutschen bekam einen neuen Namen: Der Risikoschüler. Kann Texte entziffern, versteht aber nicht, was drin steht.

"Dummkopf!"

Es ist der 3. Dezember 2001. Am Tag darauf stellte die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit, kurz OECD, das erste „Programme for International Students Assessment“ vor, heute als Pisa-Studie nirgendwo auf der Welt besser bekannt als in Deutschland. Ein Vergleichstest der Schulleistungen 15jähriger Schüler aus aller Welt. Die Neuntklässler im Herzen Europas, die Deutschen, sie schnitten miserabel ab, und die Journalisten sollten eine Nacht drüber schlafen können, ehe sie den Schock verbreiteten: 23,8 Prozent der 15jährigen können nicht sinnvoll lesen; der Abstand zwischen den Leistungen der Schulen - nirgendwo größer als in Deutschland. Die Schere zwischen guten und schlechten Schülern – einer Demokratie nicht würdig. „Dummkopf!“, titelte der Economist. #

Für die Deutschen war Pisa fortan nicht mehr eine Stadt in Italien. Sondern eine Studie, die sie ins untere Mittelfeld auf Platz 22 von getesteten 32 Nationen katapultiert hatte. #

Landschildkröte KMK sprintet

Die andere Seite indessen war mindestens so gut vorbereitet wie die OECD und die Journalisten: Die Kultusminister – das sind die in Deutschland für Schule politisch Verantwortlichen – taten, was ihnen niemand zugetraut hätte. Sie, die man bis dahin ungerügt als griechische Landschildkröten verspotten konnte, ergriffen Notmaßnahmen. Sofort. Jedenfalls fällten sie Beschlüsse, noch bevor die Pisa-Nachricht komplett verstanden worden war. Es waren im wesentlichen drei Beschlüsse, die die „Ständige Konferenz der Kultusminister“ fasste:

* Erstens verabschiedeten die Kultusminister sieben so genannte Handlungsfelder von Kindergarten bis Migranten, von Sprachtests bis Unterrichtsqualität

* Zweitens kündigten die 16 Minister an, dass jetzt sehr fix die Lehrerbildung verbessert werden müsse.

* Und drittens verbaten sich die Kultusminister kategorisch, dass irgendjemand über die Schulformen diskutieren dürfe. Die ideologische Debatte über die dreigliedrige Schule habe keinen Sinn, hieß es. Die weltweit einmalige – von Österreich abgesehen – Dreiteilung junger Bürger im Alter von zehn Jahren auf verschieden gute Schulen, sie durfte kein Grund für das verheerend schlechte deutsche Pisaergebnis sein.#

Differenzielle Lernmilieus

Dabei treibt genau die frühe Sortierung der Schüler mit zehn Jahren in gute, mittlere und schlechte Lerngruppen, also in Gymnasium, Realschule und Hauptschule die Leistungen ihrer Insassen nachweislich auseinander. [Baumert, Jürgen (2006): »Schulstruktur und die Entstehung differenzieller Lern- und Entwicklungsmilieus«. In: Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 95–180)] #

Die Nation akzeptierte die Lektion. Die Schulformen blieben tabu. Noch heute müssen Teilnehmer von Polit-Talkshows im Abendprogramm damit rechnen, dass man sie auffordert: Diskutieren sie, bitte, nicht über die Schulformen! #

Niederschmetternde Sprachtests

Was war mit den anderen Beschlüssen? Die sieben Handlungsfelder erinnert heute kaum noch jemand. Sie betrafen zwar irgendwie die richtigen Punkte. Kindertagesstätten etwa sollten zu Bildungseinrichtungen werden, Migranten besser im Sprachenlernen gefördert werden und so weiter. Allein, das Steuerungswissen, das Pisa angeblich geliefert hatte, es wurde von den 16 Kultusministern immer je anders interpretiert.

Die Sprachtests zum Beispiel hießen in jedem Bundesland anders, Bärenstark, Delfin oder Deutsch+ und sie untersuchten jeweils andere Altersstufen von Kindern. Nur zwei Dinge waren gleich: Diese Ergebnisse Sprachstandserhebungen waren so niederschmetternd, dass die bereitgestellten Millionenbeträge für die frühe Sprachförderung nie ausreichten. Die Minister passten die Lerngelegenheiten also sofort den bereitgestellten Budgets angepasst. Das bedeutet: Nur ein Bruchteil der Sprachlosen bekam effizientes Sprachtraining. #

Chaos Lehrerbildung

Ähnlich verlief es mit der Lehrerbildung. Nach der Studie setzten die Schulminister auf eine erneurte Lehrerbildung. „Dann haben wir ja schon in 30 Jahren bessere Pisaergebnisse“, frotzelte Schleicher. Die Kultusminister rächten sich an dem in Hamburg geborenen Chef der Pisaabteilung der OECD in Paris. Die Minister der deutschen Provinzen erklärten den weltweit geachteten Mister Pisa zur persona non grata – Schleicher durfte eine zeitlang die Pisastudien in seinem Heimatland nicht mehr vorstellen. #

Freilich zeigt sich auf dem Gebiet der Lehrerbildung die ganze Indolenz der Kultusminister: Bis zum Jahr 2020 werden über 400.000 der heute 700.000 LehrerInnen nicht mehr da sein. Genug neue Lehrer aber kann die KMK dank ihrer chaotischen Lehrerbildung gar nicht produzieren. Kein Unternehmen könnte es sich leisten, mehr als die Hölfte seiner Arbeitskraft in den Ruhestand zu schicken ohne neue Leute nachzuziehen – die Kultusminister schaffen das. #

Union zweifelt am Föderalismus

Schleicher ist inzwischen rehabilitiert. Nicht etwa bei den Kultusministern, aber überall im Land. Alle seine Vorhersagen trafen ein: Die Lehrerbildung ist zehn Jahre nach Pisa so wirr, dass selbst Unions-Bildungsexperten sie auf Podien als chaotisch bezeichnen. Und, kaum zu glauben, den Föderalismus infrage zu stellen bereit sind. #

Die Pisaergebnisse haben sich zwar verbessert – aber nur in einzelnen Bundesländern und meistens in der Leistungsspitze. Da, wo das eigentliche Problem für eine demokratische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sitzt, in den Haupt- und Ghettoschulen, wo sich in den Klassen bis zu 90 Prozent Risikoschüler konzentrieren, geht es nur zäh voran, sehr zäh. #

Nur das Bürgertum begreift die Pisa-Lektion

Das Bürgertum, so lässt es sich zusammen fassen, hat seine Lektion aus Pisa gelernt: Es investiert Milliarden in Nachhilfe, es überwacht mehr oder weniger hysterisch den Unterrichtsbetrieb an Regelschulen – und notfalls flieht es das staatliche Schulchaos einfach. Es gibt nicht den großen Run auf Privatschulen, wie immer verkündet wird. Allerdings zeigen Meinungsbefragungen, dass die Bereitschaft der Deutschen, ihre Kinder auf freie, konfessionelle, demokratische, das heißt auf private Schulen zu bringen, sich dramatisch ausgeweitet hat. Heute denken sogar Eltern mit Hauptschulabschluss darüber nach, Privatschulen zu besuchen. Vor zehn Jahren war dies dem gehobenen Bürgertum vorbehalten. #

Im Land hat eine Art fröhlichen Fatalismus' Einzug gehalten. Jede Pisafolgestudie bringt stets die gleichen Ergebnisse: Prägendes Merkmal der deutschen Schule ist erstens, dass sie wenig leistungsfähig ist – also zu viele Risikoschüler produziert. Heute sind es deutschlandweit immer noch 20,9 Prozent. Und das sie zweitens ungerecht ist: Weil sie – bei gleicher Intelligenz und Sprachvermögen – den Kindern gebildeter und reicher Eltern durchgehend bessere Chancen einräumt, zu deutsch: Sie auf Gymnasien empfiehlt. #

Ist das zersplitterte und komplizierte Schulsystem seit Pisa einfacher geworden? Kann man zehn Jahre nach Pisa in Deutschland umziehen, ohne sich Sorgen zu machen, was die Leistungen der Schüler anlangt oder die Ähnlichkeit der Schulformen? Zweimal heißt die Antwort: Nein. Das Tabu der Debatte über Schulformen gilt im Grunde nur noch für Talkshow

12 neue Sekundarschulen!

Unterderhand haben 16 Bundesländer außer Hessen und Bayern begonnen, die zersplitterten Schularten auf zwei Formen zu vereinfachen. Freilich hat der systemimmanente Chaosfaktor der Kultusministerkonferenz zum Gegenteil geführt. Nun regiert die neue Unübersichtlichkeit: Gab es bislang vier weiterführende Schulformen, so sind es heute ein Dutzend, sie heißen Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, Sekundarschule, Regionalschule, Stadtteilschule, Oberschule, Mittelschule, Regelschule, Realschule-plus, Werkrealschule, Hauptschule oder Gymnasium.#

Lässt sich mit anything goes die Schulkrise überwinden? Wahrscheinlich nicht. Denn das eigentliche Problem besteht ja darin, dass sich das deutsche Bildungsschiff als steuerungslos erwiesen hat. Auf der Brücke der Titanic stehen 16 Kapitäne und wollen alle irgendwie in eine andere Richtung. Derweil spitzt sich die demografisch wie ökonomisch die Lage zu. Deutschlands Schulen sterben aus, in den großen Flächenländern stehen Tausende Schulen, meistens sind es Hauptschulen, vor dem Aus – weil es schlicht nicht mehr genug Schüler gibt. #

Die Wirtschaft leidet

Am meisten leidet die Wirtschaft. Sie, die jahrelang die Kultusminister vor sich hinwursteln ließ, steht heute vor einem nie gekannten Fachkräftemangel. Nicht mehr nur Ingenieure oder Ärzte fehlen, inzwischen gehen sogar die Auszubildenden aus. Selbst der Dauerpisasieger Bayern produziert zu viele Risikoschüler, um den Nachwuchsmnagel des eigenen Mittelstandes befriedigen zu können. Im bayerischen Deggendorf zum Beispiel, wo 700 offene Lehrstellen einem Heer von Hauptschulabsolventen gegenüberstehen, hat CSU-Landrat Christian Bernreiter daher selbst das Heft in die Hand genommen: Er importiert Azubis – aus der bulgarischen Partnerstadt Deggendorfs. „Wir müssen jetzt aktiv werden. Von allein passiert gar nichts“, sagte er. #

Bürgermeister basteln Schulen für alle

Das ist der Offenbarungseid der Kultusminister. Weil es nicht schaffen, Bildungsarmut zu bekämpfen, basteln sich nun überall im Land Bürgermeister, Landräte und Schulleiter eigene Lösungen. Darin liegt aber zugleich die Chance er zweiten Postpisadekade. Während sich die Kultusminister über die Richtung streiten, nehmen sich Schulen die unerwarteten Freiräume.

Egal ob Nord oder Süd, West oder Ost, die Prinzipien der neuen Schulen sind fast immer die gleichen – es sind die Pisalektionen: Die Schule braucht eine andere Lernkultur. Und: Kein Kind soll zurück bleiben.

In Jesteburg (Niedersachsen) zum Beispiel gibt es eine Inititiative, die eine Schule fordert, die auch das Abitur anbietet, aber kein Gymnasium ist. Eine Art Gesamtschule also. Die lokalen Akteure für die Schule sind der Bürgermeister, die Schulleiterin und ein Grünen-SPD-CDU-Trio der örtlichen Zivilgesellschaft. Der Kultusminister Niedersachsens tritt dort nur in einer Rolle auf den Plan: als Verhinderer. Bernd Althusmann hat die Schule mit der Begründung erst nicht genehmigt, weil sie den falschen Namen hatte: Gesamtschule. Nur als Oberschule mit Haupt- und Realschulzweig hat er sie inzwischen zugelassen. #

Das Abitur ist die treibende Kraft für Schulreformen von unten. Genauer sind es Schulen, die [kursiv] auch [kursiv]das Abitur anbieten. So ist es, wenn in Bayern die Rebellengemeinden Denkendorf und Kipfenberg eine „Schule für alle“ fordern – weil sonst die Schule aus ihrem Ort verschwindet. Oder wenn in Berlin Europas größter Pizzahersteller Freiberger eine Gemeinschaftsschule mit Abiturmöglichkeit propagiert – explizit gegen die örtliche CDU. „Wir brauchen sehr viele verschiedene Qualifikationen, vom Ingenieur bis zum einfach Arbeiter, das kann die Gemeinschaftsschule anbieten – also unterstützen wir diese Schule“, sagt der Chef von Freiberger, Helmut Morent. Er steht der CSU nahe – aber er forderte die Reinickendorfer vor der Wahl dazu auf, in dem Berliner Bezirk nicht CDU zu wählen, weil diese Partei gute Schule aus ideologischen Gründen verhindert. #

Das ist das neue Selbstbewusstsein nach Pisa. Wenn die oben nicht mehr können, dann machen die da unten ihre Schule eben selber.

Sie brauchen dazu kein Steuerungswissen. #

Christian Füller, 47, schreibt über gute Schulen in einem schlechten Bildungssystem. Zuletzt: Die Gute Schule. Beltz 2010. Er bloggt als pisaversteher.de

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